Ökotourismus in Jordanien

Ziegenpopos

Während meines Studiums durfte ich lange Zeit in Jordanien Forschen und Leben. In dem Moment, in dem das Flugzeug auf dem Rollfeld des Internationalen Flughafens Queen Alia aufsetzte, ich wieder im Besitz meiner Koffer war und auf dem Weg in die Innenstadt Ammans der Ruf des Muezzins zum Abendgebet ertönte, war das daher für mich regelmäßig ein Moment des Nachhausekommens.

Ich verbrachte unter der Woche viel Zeit in der quirligen Hauptstadt Amman und im touristischen Petra und suchte daher einen ruhigen Ort, abseits der Menschenmassen, an dem ich mir eine kleine Auszeit gönnen und einfach all die intensiven Eindrücke verarbeiten konnte. Durch einen befreundeten Einheimischen bin ich so irgendwann nach Dana gekommen.

Dana ist ein kleines, auf einem Hügel liegendes, verlassenes Bergdorf, etwa eine Autostunde von Petra entfernt. Hierzu müsst ihr wissen, dass man in Jordanien sowieso keine langen Wege auf sich nehmen muss. Von der Hauptstadt Amman bis in den Süden, in die Hafenstadt Aqaba, fährt man auf modern asphaltierten Straßen ungefähr vier Stunden.
Aber zurück nach Dana. Dana liegt inmitten eines Biosphärenreservats und ist für mich, seit meinem ersten Besuch, der Inbegriff des Paradieses. Sobald man die Hauptstraßen verlässt und dem ruckeligen Weg in Richtung Dana folgt, wird man in den Bann der Landschaft gezogen. Mein Ziel war meist das Guesthouse, das terrassenartig in den Hügel gebaut ist und einen grandiosen Ausblick über das Wadi bietet. Einmal in Dana angekommen, verbrachte ich dann die Tage mit Spaziergängen, langen Gesprächen oder in ein interessantes Buch vertieft. Eine schöne Zeit. Dennoch hatte das Studium irgendwann ein Ende, ich kehrte zurück nach Deutschland und behielt Dana als persönliches Kleinod im Hinterkopf.

Welcome back to Jordan!

Manchmal besteht das Leben scheinbar nur aus Zufällen – findet ihr nicht auch? Denn auf der ITB 2013 lief ich prompt am Stand des Jordanischen Fremdenverkehrsamts Nabil Tarazi, einem jordanischen Hotelmanager, in die Arme. Wie es sich für einen erfolgreichen Geschäftsmann gehört, wollte er mir gleich sein Produkt vorstellen: die Feynan Eco Lodge im Dana Biosphärenreservat. Er wischte auf der Oberfläche seines Tablets eifrig von einem Bild zum nächsten, redete über ein nachhaltiges Öko-Konzept und hatte mich binnen drei Minuten überzeugt, dass dies mein nächstes Ziel sein sollte.

Die Feynan Eco-Lodge in Jordanien

Die Feynan Eco-Lodge in Jordanien

 

Schlicht und funktional - auf einen Fernseher kann ich auch gerne mal ein paar Tage verzichten.

Schlicht und funktional – auf einen Fernseher kann ich auch gerne mal ein paar Tage verzichten.

 

Hat ein bisschen was von Südfrankreich. Einer meiner Lieblingsplätze.

Hat ein bisschen was von Südfrankreich. Einer meiner Lieblingsplätze.

Einen Monat später sitze ich in der Maschine von Royal Jordanian in Richtung Haschemitisches Königreich. Die Monate April und Mai sind übrigens die perfekte Reisezeit. Überall blüht es und im Vergleich zu den heißen Sommermonaten Juli und August ist es angenehm warm. Mein Ziel steht fest: Ich möchte vom Dana Guesthouse auf einer geführten Tour zur Feynan Eco Lodge gelangen und mich davon überzeugen, ob mein ITB Kontakt Nabil nicht in seiner arabischen Überschwänglichkeit ein wenig zu dick aufgetragen hat.

Mein englischsprachiger Guide Mohammad holt mich am Guesthouse ab und wir machen uns auf den gut fünfstündigen Weg durch das lang gestreckte Wadi.

Fünf Stunden hören sich zunächst heftig an, aber dadurch, dass der Weg meist eben durch das Tal verläuft und es nicht allzu heiß ist, kann man auch als ungeübter Sportmuffel die Wanderung gut schaffen.

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Lediglich festes Schuhwerk auf dem teils geröllartigen Untergrund und ausreichend zu Trinken sind ein dringender Tipp für alle, die sich auf diese Wanderung begeben wollen. Ob eine kleine Teepause bei einer Gruppe von Ziegenhirten, die Einweisung in die Kunst des Brotbackens im Erdofen, die Herstellung von Seife aus unscheinbaren, am Wegesrand wachsenden Kräutern oder das leise Flötenspiel inmitten der atemberaubenden Kulisse des Wadis – Mohammad lässt sich einiges einfallen, um seinen touristischen Begleitern die fünf Stunden merklich zu verkürzen.

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Und auch ohne arabisches Animationsprogramm genieße ich die Tour. Das Wadi ist abgeschottet von allem möglichen Alltagslärm. Ab und zu zieht am Himmel ein Greifvogel vorbei, in einem entfernten Strauch zirpt und raschelt es, aber ansonsten höre ich nur das leise Rauschen des Windes oder ein entferntes Läuten von einer der grasenden Ziegenherden. Ein Ort der Stille, die auch irgendwann vom eigenen Körper Besitz ergreift und ich irgendwann, glücklich und zufrieden, wie ein kleines Eselchen durch die Felslandschaft trotte.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir die Lodge.

Noch ganz ergriffen von dem Bild des feuerroten Sonnenballs, der sich langsam am Horizont herabsenkt, habe ich Zeit meine ersten Eindrücke von meinem Ziel zu sammeln. Der Lehmbau der Lodge fügt sich wie selbstverständlich in das sandfarbene Umland ein, ein Angestellter nimmt mir meinen Rucksack ab und reicht mir eine Tonkaraffe mit kühlem Wasser. In dieser Lodge werde ich bis zu meiner Abreise keine einzige Plastikflasche finden, dafür Hunderte von Ölkerzen, die den Lehmbau bei Nacht in warmes Licht tauchen. In der Lodge verfügen nur die Badezimmer der insgesamt 26 Gästezimmer über Strom, der aus Solarpanel auf dem Dach gewonnen wird. Es gibt vegetarische Küche und Nabil, den ich nun endlich wiedersehe, erzählt mir, dass es bis vor Kurzem noch nicht einmal Handyempfang gab.

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Wer braucht hier schon einen Fernseher?

Die Zimmer sind funktional eingerichtet: ein Tisch, eine Kleiderstange, ein Bett mit Moskitonetz – einen Fernseher sucht man hier vergebens. Ich vermisse die Flimmerkiste aber auch keine Sekunde. Nach einem köstlichen Abendessen, bei dem ich gleich ins Gespräch mit anderen Reisenden komme, führt mein Weg direkt auf das Dach, wo mir, auf dicken Matratzen gebettet, die Sternbilder erklärt werden. Auch tagsüber bieten sich mir viele Möglichkeiten die Gegend auszukundschaften: ich schließe mich einer Gruppe Mountainbiker an, die sich die nahen Schächte einer ehemaligen Mine ansehen. Auch koche ich dieses Mal mein Mittagessen selbst und erhalte vom Küchenchef höchstpersönlich einige nützliche Ratschläge für das perfekte Falafel-Sandwich. Am Nachmittag schließe ich mich einem Ziegenhirten an, der kaum Englisch spricht, aber auch hier zählt wieder vielmehr das Erlebnis von fünfzig Ziegen umringt zu sein und dem zaghaften Flötenspiel des jungen Hirten zu lauschen, als jeder ermüdende Smalltalk dieser Welt.

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Und auch beim Thema Ökotourismus werde ich vollends überzeugt: die Royal Society for Conservation of Nature steckt hinter der Lodge, eine jordanische NGO, die sich Nachhaltigen Tourismus auf die Fahne geschrieben hat und noch weitere Leuchtturmprojekte, in ganz Jordanien verteilt, unterstützt. Die Angestellten der Lodge stammen aus den umliegenden Beduinendörfern, erhalten ein fundiertes Training im Umgang mit den Gästen und bekommen gleichzeitig die Bedeutung von Mülltrennung und Umweltschutz vermittelt. Werte, die ganz automatisch an die nächste Generation weitergegeben werden. Nabil hat mehr als Recht behalten und ich verbringe noch zwei wunderschöne und eindrückliche Tage in diesem friedlichen Idyll.

Shukran und bis zum nächsten Mal in Jordanien!

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