Audienz beim Herzog von Jordanien

Mich hat es mal wieder nach Jordanien verschlagen, ein Land, in das ich seit meinen Forschungsaufenthalten gerne und oft zurückkehre. Heute steht keiner der typischen Programmpunkte auf dem Plan, wegen denen die meisten Touristen das kleine Königreich, rund vier Flugstunden von Deutschland entfernt, besuchen. Das touristische Juwel Petra, die gut erhaltenen Ruinen von Jerash, ein Bad im Toten Meer – all das muss heute hintenanstehen. Denn heute bin ich in der Hauptstadt Amman unterwegs, genauer: ich habe eine Audienz bei Mamdouh Bisharat, dem einzigen Herzog Jordaniens.

Das Land Jordanien fußt auf einer parlamentarischen Monarchie, die volle Bezeichnung lautet „Haschemitisches Königreich Jordanien“. König Abdullah und Königin Rania sind die aktuellen Herrscher, die Jordanien in einer sehr liberalen Art und Weise regieren. Einerseits liegt Jordanien inmitten des höchst explosiven Pulverfasses des Nahen Ostens, andererseits pflegt das Land seit Jahren stabile Beziehungen zum Westen, zu Amerika, Asien, zu Israel und so surreal es nun auch klingen mag: das Land ist nach wie vor ein sicheres Reiseland, eine Traumdestination für Kultur- und Naturliebhaber mit einem Hauch von Orient.

Mamdouh Bisharat, Duke of Mukheibeh

Der Palast des einzigen Herzogs von Jordanien (sein vollständiger Titel: Duke of Mukheibeh) liegt inmitten der trubeligen King Faisal Street im Zentrum Ammans, nur einen kurzen Fußmarsch vom berühmten Römischen Amphitheater entfernt. Auf der Straße werden frische Backwaren, Obst und Gemüse feilgeboten, ein Händler versucht verzweifelt seine „Adibas“ Socken loszuwerden – im ersten Stock von Hausnummer 20 empfängt mich Mamdouh Bisharat stilvoll in seinem sogenannten „Duke’s Diwan“, fünf hohe Räume, die alle mit einem zentralen Salon verbunden sind. Mamdouh ist Ende 70, ein Mann von Welt, er trägt einen sommerlichen Anzug, das Einstecktuch ist farblich auf die Garderobe abgestimmt. Er hat ein herzliches, warmes Lachen, alle Ängste à la „Wie spreche ich denn nun standesgemäß einen Herzog an?“ sind nach den ersten Sekunden wie weggeblasen. Der persönliche Assistent bleibt diskret im Hintergrund, Mamdouh führt mich in sein Arbeitszimmer und nimmt hinter seinem massiven Holzschreibtisch Platz. Hinter ihm ein Bild mit König Hussein, dem eigentlichen Schlüssel zu seinem Adelstitel.

Wie wird man Herzog von Jordanien?

Mamdouh ist eigentlich studierter Landwirt. Noch heute unterhält er drei Farmen im Norden des Landes. Sein Schicksal: er wächst zeitgleich im selben Viertel wie Hussein auf, die Kinder verbringen ihre Freizeit miteinander bis zu dem Tag an dem aus dem Spielkameraden Hussein, plötzlich der König von Jordanien wird. Beide Männer gehen ihren Weg, dennoch bricht der Kontakt der beiden nie ab. Mamdouh Bisharat wird Landwirt, er reist durch die Welt, aber darüber hinaus engagiert er sich für sein Land Jordanien. Er setzt sich unter anderem dafür ein, alten Baubestand zu bewahren, investiert viel Geld in die Rettung von Gebäuden, in die Erhaltung von Kultur und wird so eines Tages von seinem Freund König Hussein mit dem Titel „Herzog“ geehrt. „Er wusste, dass er mir mit Geld keine Freude machen konnte“ erzählt Mamdouh aus seinen Erinnerungen an den verstorbenen König, „daher wollte er mir mit dem einzigen Herzogtitel des Landes seinen Dank ausdrücken.“

Duke

Die Vorgeschichte erklärt nun auch die Wahl seines Palastes. Mamdhou residiert im ersten Stock eines der wohl ältesten Gebäude Ammans: 1924 durch den späten Pascha Abdul Rahman Madi erbaut, wurde das Gebäude von der Regierung des neu gegründeten Emirats/Transjordanien bis in die späten 1940er Jahre als Hauptpostamt angemietet. 1948 wurde es dann, für die nächsten 50 Jahre, Sitz des Haifa Hotels.

Auch dieses Gebäude hat Mamdouh Bisharat im Jahr 2001 vor der Planierraupe retten können; seitdem ist es sein Diwan (arab. jener Teil eines Haueses, dessen Türen Gästen immer offen stehen). Häufig finden hier Diskussionen u.a. über die Geschichte Ammans statt. Zu den Gästen und Teilnehmern gehören Mitglieder des Königshauses, Intellektuelle, Schriftsteller, Poeten, Historiker, Akademiker, Diplomaten, Künstler und Studenten. Tagsüber ist der Diwan eine Begegnungsstätte für junge Kreative, Künstler, Autoren und Menschen, die noch den geeigneten Mäzen für ihr anstehendes Projekt suchen, aber auch Besucher wie mich, Ausländer, die diesen schillernden Mann einmal persönlich kennenlernen möchten.
Es brummt in den Zimmern wie in einem Bienenkorb, ein junger Autor ist gerade zu Gast und präsentiert einer kleinen Zuhörerschaft sein Buch, das am kommenden Tag auf dem internationalen Büchermarkt erscheinen wird. Ein Extremsportler sitzt mit einer Gruppe von Personen im angrenzenden Raum und erzählt von seiner Reise vom tiefsten Punkt der Erde, dem Toten Meer, zum höchsten Punkt, dem Gipfel des Mount Everest. Die Erlöse seiner Reise kommen einem caritativen Projekt zugute, die Kontakte hierfür fädelte Mamdouh Bisharat für ihn ein.

Die Räume durchzieht ein Duft nach frischem Knafeh

Die Wände der Räume sind geschmückt mit Zeichnungen, Aquarellen, Portraitaufnahmen, alten Fotografien, ein Assistent verteilt diskret frischen arabischen Tee und der Duft von warmem Knafeh durchströmt den Raum (eine Art heißer Käsekuchen mit süßen Fadennudeln; eine Spezialität in Jordanien. Die leckere Süßigkeit kommt von der Backstube Habiba-Outlet direkt um die Ecke des Diwans).

Duke's Diwan

Und mittendrin Mamdouh Bisharat, der kaum einen Moment der Ruhe findet. Er wandert durch die Räume, lauscht den Gesprächen, gibt den Anwesenden hilfreiche Tipps, schreibt emsig in eines seiner zahlreichen, bunten Notizbücher und drückt einem der anwesenden Künstler gelegentlich sein Handy ans Ohr – am anderen Ende der Leitung meldet sich vermutlich genau der wichtige, bisher noch fehlende Kontakt. Das ist die Stärke von Mamdouh Bisharat: er ist weder außerordentlich reich, noch besitzt er politische Macht; sein Hab und Gut sind seine Kontakte, die er geschickt einzusetzen weiß. Auch ich werde so frühmorgens mit einem Cousin in Deutschland verbunden, der Vorstandsmitglied der Deutsch Jordanischen Gesellschaft ist und verschlafen ins Telefon lacht. Ich kann gerade noch verhindern, dass Mamdouh einen deutschen Honorarkonsul in Wiesbaden anruft….

Falls ihr in den kommenden Jahren nach Jordanien reisen solltet, dann plant mindestens zwei bis drei Tage Aufenthalt in der Hauptstadt Amman mit ein. Geht in eines der tollen Cafés entlang der Rainbow Street, kehrt bei Hashem’s zum wohl besten Falafel Sandwich der Stadt ein und vor allem, stattet Mamdouh Bisharat, dem einzigen Herzog Jordaniens, einen Besuch ab. Die Türen zu seinem Diwan stehen Einheimischen und Gästen auch ohne Anmeldung weit offen, vielleicht stellt gerade ein junger Künstler in einem der Räume aus oder ihr begebt euch, dank der zahlreichen Fotos, auf eine Zeitreise in das Jordanien der 40er Jahre, zu den Anfängen des jungen Königreichs, in die Kindheit von Mamdouh und seinem Spielgefährten dem jungen Hussein.

Und falls ihr Mamdouh seht, richtet ihm bitte schöne Grüße aus und lasst euch von ihm über Jordanien erzählen – es gibt wohl kaum einen besseren Botschafter für diese einzigartige Land!

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade „Meine besonderen Begegnungen auf Reisen“ von meiner Blogger-Kollegin Anna von „Gradwanderung“.

 

 

 

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