The Style of Munich: Im Gespräch mit Bloggerin und Autorin Anika Landsteiner

The Style of Munich - im Gespräch mit Anika Landsteiner
The Style of Munich - im Gespräch mit Anika Landsteiner

Unser Treffpunkt ist das Café Jasmin – seit 1955 eine Institution in der Münchner Maxvorstadt. Weiche Teppiche, Samtsessel, Rüschchengardinen, Goldtapete an den Wänden – direkt beim Eintreten tauchen wir in die Welt der 50-er Jahre ein. Das Café ist eine beliebte Frühstücksadresse (auch Veganer und Vegetarier finden hier eine super Auswahl!) und eine tolle Location für mein Interview mit Anika Landsteiner. Die ausgebildete Schauspielerin schreibt seit 2010 für verschiedene Online- und Printmedien, führte zwei Jahre lang das renommierte Münchner Stadtmagazin MUCBOOK und hat in den letzten Jahren mit ihrem Blog „Ani denkt“ mein Leserherz erobert. Vor wenigen Tagen ist nun ihr erstes Buch erschienen („Gehen um zu bleiben – 15 Geschichten aus 15 Ländern“). Vorhang auf, für eine neue Reihe von „The Style of…“ – dieses Mal aus München mit der wunderbaren Anika Landsteiner!

Wie bist du damals auf die Idee gekommen, einen eigenen Blog zu starten?

Das war vor knapp sieben Jahren. Ich war damals noch an der Schauspielschule und durchlebte eine ziemlich stressige Zeit. Ich suchte nach einem kreativen Ventil, bei dem ich mein eigener Chef sein konnte und nicht ständig von jemandem gesagt bekam, was ich zu tun habe. Blogspot war damals gerade voll im Kommen, ich hatte mir binnen weniger Minuten meinen Account „Ani denkt“ angelegt und fing an, kurze Kolumnen online zu stellen. Ich war Anfang zwanzig, wohnte mitten im Kneipenviertel, war viel unterwegs und hatte viel zu erzählen. Meine Geschichten kreisten um Themen wie Generation Y, Liebe, Freundschaft, Nachtleben. Das Reisen kam erst später dazu.

Kannst du von deinen Einnahmen als Bloggerin leben?

Damals dachte ich wirklich kurz daran, von meinem Blog leben zu können. Tatsächlich kann ich bis heute nicht von den Einnahmen aus meinem Blog leben, aber mein Blog ist zu einer Art Portfolio geworden, durch das auch schon der eine oder andere Verlag auf mich aufmerksam geworden ist. Ich habe vier Jahre lang als Schauspielerin gearbeitet und bin dann, über Praktika bei diversen Zeitungen und Verlagen, schließlich im Journalismus gelandet.

Seit 1955 eine Institution in München: das Café Jasmin

Ich bin eine begeisterte Leserin deines Blogs „Ani denkt“, da er erfrischend anders ist und man nicht über die meist inhaltsleeren „10 Dinge die du unbedingt in … gemacht haben musst“- Listen stolpert. Was ist für dich persönlich das Geheimnis hinter dem Erfolg deines Blogs?

Mein Blog bedient definitiv eine Nische und richtet sich an Menschen, die gerne lesen. Meine Artikel sind relativ lang und für mich spielt die Qualität meiner Texte eine große Rolle. Ich war im März beispielsweise auf Curacao. Es war wunderschön, ich habe traumhafte Bilder mit nach Hause gebracht, die alle schon bearbeitet und sortiert darauf warten, online zu gehen. Ich habe aber noch keinen Text, mit dem ich diese vielen Eindrücke und Erlebnisse vor Ort authentisch transportieren kann. Ich könnte es mir leicht machen und schreiben: „Mein Lieblingsstrand war…“ und „dieses Essen hat mir gut geschmeckt“ etc. aber das ist nicht der Ziel meines Blogs.

Es war eine private Reise und so kann ich mir mit dem Schreiben Zeit lassen, bis ich das richtige Feeling dafür habe. Bei organisierten Pressereisen geht das natürlich meistens nicht, aber zumindest wenn ich privat unterwegs bin, stresse ich mich da heute nicht mehr. Früher war das anders. Da wollte ich bestenfalls zweimal die Woche etwas posten. Heute weiß ich allerdings nicht mehr, wie ich das damals geschafft habe (lacht).

Wenn man sich deine Reiseberichte aufmerksam durchliest, sticht immer wieder das Thema „Afrika“ unter den Artikeln heraus. Wann warst du das erste Mal dort und was fasziniert dich so an diesem Kontinent?

Meine Afrika-Reisen starteten mit der Traumdestination Mauritius. Als ich das zweite Mal ins Flugzeug in Richtung Afrika stieg, war mein Ziel Benin im Westen Afrikas. Ein durch und durch untouristisches Land. Mein Freund Deniz abeitete dort für eine Hilfsorganisation und ich flog hin, um mir vor Ort selbst ein Bild zu machen. Diese Reise hat bei uns beiden den Stecker gezogen – es war anders als alles, was wir davor gesehen hatten. Es gibt dort nichts: keine Straße, keine Straßenlaterne kein Straßenschild, keine Struktur. Es ist, als hätte jemand die Häuser und Schotterpisten von oben heruntergeworfen und das dann so gelassen. Es ist ein Afrika, wie sich vermutlich mancher den Kontinent vorstellt. Und so ging es dann immer weiter. Die nächste Reise ging nach Malawi – und es war wieder so anders.

Unser Frühstück kommt. Anika hat sich für das vegane Rührei entschieden, ich probiere das vegane Energiefrühstück mit warmem Quinoa, frischem Ingwer, Sesam, Gojibeeren, Maulbeeren und aufgeschäumter Sojamilch. Perfekter Moment für einen Themenwechsel: von der Bloggerin zur Buchautorin.

Von der Bloggerin zur Buchautorin: „Gehen um zu bleiben“

Vor wenigen Tagen erschien dein erstes Buch „Gehen um zu bleiben.“ Wie kam es dazu?

Ich hatte schon immer das Ziel, Romane zu schreiben. Durch die Schauspielerei wusste ich, dass es in Deutschland ohne professionelle Agentur im Hintergrund relativ schwierig ist, Gehör zu finden. Ein Lektor bekommt etwa 200 Manuskripte am Tag auf den Tisch gelegt. Das ist einfach unmöglich, sich das alles anzuschauen. Ein Agent weiß hingegen zielgerecht, welcher Lektor zu welcher Zeit etwas sucht. Er öffnet somit Türen, die ich alleine gar nicht öffnen könnte. Daher habe ich mich bei verschiedenen Agenturen beworben. Eine hat mich schließlich genommen und wir fingen an, an einem Romanmanuskript zu arbeiten. Das ist ein ziemlich langer Prozess und so entstand irgendwann die Idee, in der Zwischenzeit ein Sachbuch mit Reisegeschichten zu veröffentlichen.

Was war die größte Herausforderung für dich bei diesem Projekt?

Ich denke, die größte Herausforderung bei „Gehen um zu bleiben“ war, dass das Buch 100 Prozent meine eigene Meinung und Erfahrung wiederspiegelt. Ich habe mich dadurch einerseits wahnsinnig angreifbar gemacht, aber ich habe mich andererseits schlichtweg auch bei vielen Abschnitten und Sätzen gefragt, wie die Sätze beim Leser ankommen und ob man sie missverstehen könnte. Bei dem Romanprojekt war es komplett anders: die Geschichte ist fiktiv und ich konnte viel freier schreiben, als über meine realen, persönlichen Erlebnisse.

Auf was dürfen sich die Leser bei deinem Buch „Gehen um zu bleiben“ freuen?

Ich finde, es ist ein wunderbares Sommerbuch geworden, weil es Lust macht, auf Reisen zu gehen. Und ich mag den Mix – es ist von allem etwas dabei, daher ist es auch kein typisches Frauenbuch, sondern richtet sich auch an männliche Leser. Eines meiner Lieblingskapitel ist tatsächlich der Bericht über meinen unfreiwilligen Aufenthalt auf der griechischen Partyinsel Ios. Ich wurde quasi dazu verdonnert, Urlaub zu machen. Es war wirklich absurd. Dann gibt es aber auch ein paar dunklere Kapitel rund um die Flüchtlingsthematik und Vorurteile, aber auch eine Geschichte, wie ich mit Liebeskummer durch Amerika gereist bin. Ein bunter, kurzweiliger Mix aus Reisegeschichten und Erinnerungen aus der ganzen Welt.

Die leeren Frühstücksteller sind mittlerweile von der Kellnerin abgetragen worden. Wir gehen bei frischem Möhrensaft zum Endspurt über.

Zwei Jahre war Anika für das Münchner Stadtmagazin MUCBOOK verantwortlich – meine perfekte Kandidatin für „The Style of…“

Kommen wir zu deiner Wahlheimat München. Du warst schon in vielen Städten unterwegs. Was ist es, was München von anderen Städten unterscheidet? Was ist es, was München so besonders für dich macht?

München ist eine Stadt zum Heimkommen. Es ist eine ruhige und beständige Stadt. Ich wüsste beispielsweise nicht, wie es gewesen wäre, von meinem dreimonatigen Malawi-Aufenthalt in eine Stadt wie Berlin zurückzukehren, die sich ständig verändert und umwälzt. Hier in München ist zwar auch viel los, aber solche Plätze wie das Café hier, werden immer existieren. München ist wahnsinnig entspannt. Es ist nicht New York oder Berlin – es ist München.

Wie würdest du einen typischen Münchner beschreiben?

(Überlegt kurz)  Ein bayerischer Grantler, der aber im Herzen ein unglaublich netter und tieffühlender Mensch ist.

Welche Sehenswürdigkeiten sollte man sich deiner Meinung nach als erstes anschauen, wenn man das erste Mal in München ist?

München ist für mich gar nicht so eine Sightseeing-Stadt wie Berlin, Paris oder New York. München ist für mich ein stimmiges Gesamtkonzept, ja, vielleicht sogar eine Art Lebensgefühl. Ich würde den Gast erstmal auf den Viktualienmarkt schicken. Dort kauft er sich einen frisch ausgepressten Saft und spaziert dann bis ins Glockenbachviertel. Hier wimmelt es an wunderschönen Cafés, Designershops und Buchläden. Ein schöner Spaziergang wäre aber auch entlang der Ludwigstraße flanieren. Von der Universität, an den erhabenen Gebäuden vorbei, entlang der großen, breiten Straße in Richtung Odeonsplatz. Hier fühlt man das geballte italienische Flair dieser Stadt.

Und wo zeigt sich München von seiner authentischen Seite?

Das relaxte und traditionelle München kann man in einem der eher untouristischen Biergärten erleben. Meine Empfehlung wäre der Max Emanuel Biergarten, eine grüne Oase mitten im Häusermeer der Maxvorstadt.

Welcher Ort in München wird deiner Meinung nach am meisten überschätzt?

Das Rathaus mit dem Glockenspiel oben drin. Es ist Jahre her, dass ich da das letzte Mal kurz vor zwölf Uhr mittags auf dem Marienplatz war. Meiner Meinung nach ein total überlaufener und überschätzter Ort.

Und welcher Ort sollte viel mehr beworben werden?

Es gibt viele Viertel und Orte abseits der Innenstadt, die auf der touristischen Landkarte gar nicht vorkommen, die aber meiner Meinung nach trotzdem ihren Reiz haben. Das Viertel südlich vom Hauptbahnhof ist beispielsweise ein Ort, an dem man die Dimensionen der Großstadt München am besten erfahren kann. Auch Haidhausen/Au ist ein wunderschönes Viertel, das oftmals nur von den Bewohnern gekannt wird. Da gibt es ganz tolle Cafés und Restaurants und es ist wunderschön zum Spazierengehen. Für mich persönlich ist der Englische Garten auch immer noch ein Geheimtipp. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen komisch, aber die meisten kennen den Biergarten am Seehaus oder die Eisbachwelle. Aber vor allem der nördliche Teil ist wunderschön. Ich bin letztens erst wieder hochgeradelt. Da ist nichts – nur Natur und du bist dabei inmitten der Großstadt.

 

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