The Style of Berlin: Im Gespräch mit der Netzwerkerin Tijen Onaran

Tijen Onaran - Women in Digital

Tijen und ich kennen uns über Facebook. Seit Jahren teilen und liken wir gegenseitig unsere Beiträge, aber im realen Leben sind wir uns noch nie über den Weg gelaufen. Tijen und mich verbindet das Interesse an der Politik. Habe ich vor allem in Studienjahren bei einer Bundestagsabgeordneten mein Praktikum absolviert und mich in einer politischen Jugendorganisation engagiert, legte Tijen nach ihrem Studium der Politikwissenschaften u.a. eine berufliche Station im Bundespräsidalamt ein. Vor einem Jahr gründete sie gemeinsam mit Constanze Wolff das Netzwerk „Women in Digital“ – kurz WIDI. Das Ziel: Frauen in der Digitalwirtschaft eine gemeinsame Plattform zu bieten. Anfang März 2017 steige ich ins Flugzeug und reise zur ITB nach Berlin – mit im Gepäck: (endlich!) einen realen Gesprächstermin mit Tijen in den neuen WIDI-Büroräumen in Berlin Charlottenburg.

Tijen, ich freue mich riesig, dass wir uns endlich persönlich kennenlernen! Wie würdest du Außenstehenden die Arbeit deines Vereins „Women in Digital“ erklären?

Tijen Onaran: WIDI ist eine Gemeinschaft spannender Frauen, deren Berufe alle etwas mit der Digitalwirtschaft zu tun haben. Unsere Mitglieder sind Frauen, die in der neuen digitalen Arbeitswelt unterwegs sind, ob als Angestellte oder als Unternehmerin. Wir bilden mit unserem Verein eine Plattform, auf der man sich trifft, sich austauscht, zusammenhält, sich gegenseitig unterstützt. „Women in Digital“ ist eine Organisation, die zwar das Thema „Frauenförderung“ in den Vordergrund stellt, jedoch ohne dabei die Botschaft nur auf das weibliche Geschlecht zu reduzieren.

 

Generell wird uns Frauen ja gerne vorgeworfen, dass wir zu wenig Netzwerken. Kannst du dich noch an deine erste persönliche Erfahrung erinnern, in der du den Wert eines guten Netzwerks erkannt hast?

(Lacht) Oh ja, da kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich war damals 16 und ich hatte mir in den Kopf gesetzt, ein Praktikum beim damaligen Karlsruher Bürgermeister zu machen.

Mein Vater war im Hochbauamt als Architekt tätig und hätte mich da vermutlich ganz gut den richtigen Personen vorstellen können, aber irgendwie hat er meinen Wunsch nicht wirklich ernst genommen. Meine Mutter nahm mich damals an der Hand und sagte: „Wenn du wirklich ein Praktikum machen willst, dann gehen wir jetzt zusammen ins Rathaus und fragen die Sekretärin nach einem Vorstellungstermin!“ Wir sind dann wirklich dorthin, der Bürgermeister war zufällig vor Ort und er fand die ganze Aktion so cool, dass er mir spontan einen Praktikumsplatz anbot.

Bei dieser Aktion habe ich zwei Dinge gelernt:

1) Es ist wirklich hilfreich, an den entscheidenden Stellen Menschen zu kennen, die einem die Türe öffnen (in meinem Fall war es die Sekretärin, die uns das Gespräch ermöglicht hat)

2) Wie wichtig es ist, immer selbst den ersten Schritt zu machen und proaktiv den Kontakt zu den Menschen zu suchen, und nicht abzuwarten, dass jemand anderes den Kontakt für dich herstellt.

Warum braucht es in Deutschland einen Verein wie „Women in Digital“?

Wir sind nie mit der Idee angetreten, die Tech-Branche zu revolutionieren oder das Thema „Frauen in Führungspositionen“ aufzumischen. Ursprünglich starteten wir als After-Work Format: ein loses Treffen von Frauen, die einmal im Monat zusammenkommen und sich austauschen. Das Interesse war da, es kamen immer mehr Frauen zu den monatlichen Treffen und wir merkten, dass unsere gemeinsame Schnittmenge das Thema „Digitalisierung“ war. So kamen die beiden starken und wichtigen Themen „Frauen“ und „Digitalisierung“ zusammen. Anfang 2016 entstand unser Verein.

Um auf deine Frage zurückzukommen: warum braucht es einen Verein wie „Women in Digital“: Es braucht meiner Ansicht nach immer Plattformen, bei denen Menschen aufeinandertreffen, die so vielleicht nie aufeinander getroffen wären. Jeder Mensch ist auf einem anderen Gebiet talentiert – wenn diese unterschiedlichen Talente aufeinandertreffen, entsteht meist etwas Geniales. Auch der Empowerment-Gedanke ist meiner Ansicht nach ein Gedanke, den es immer brauchen wird. Und ja: wir müssen weiter Aufklärungsarbeit speziell bei Frauen leisten, dass sich die Investition in ein gutes Netzwerk nachhaltig auszahlt.

Muss man in Berlin leben um eine „Woman in Digital“ zu werden?

Nein, wir sind mittlerweile bundesweit aktiv. Bisher finden unsere After Work Treffen zum Beispiel regelmäßig in Berlin und Hamburg statt. Daneben gibt es dreimal im Jahr die großen Events, bei denen inzwischen 80 bis 100 Frauen zusammenkommen. Letztes Jahr fanden die Veranstaltungen in den Städten Berlin, Hamburg und Frankfurt statt, dieses Jahr in Hamburg, Berlin und München. Unsere Veranstaltungen sind immer kostenfrei und stehen jeder interessierten Teilnehmerin offen.

Ansonsten kommunizieren wir über unsere Webseite bzw. die verschiedenen Social Media Kanäle über aktuelle Aktionen und Veranstaltungen und informieren regelmäßig über unseren Newsletter über Neuigkeiten und interessante Termine.

 

 

Was bedeutet Digitalisierung für dich? Welche Chancen siehst du hinter den neuen Entwicklungen?

Digitalisierung bedeutet für mich eine neue Form des vernetzten Denkens und sie bietet gerade Frauen riesige Chancen, in den neuen Berufsfeldern Karriere zu machen. Wir sprechen viel von flexiblerem Arbeiten und der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber ich glaube eher, dass die Digitalisierung alle bisher existierenden und teils tradierten Strukturen in Frage stellt. Teams werden neu geordnet, es entwickeln sich neue Berufsfelder und Positionen – gerade für Frauen mit Talent im vernetzten Denken und generalistischen Arbeiten bedeutet die Digitalisierung eine riesige Chance.

Aktuell gibt es natürlich auch noch viele Fragezeichen. Man weiß noch nicht so richtig, wo die Reise hingehen wird. Siehst du auch Probleme oder mögliche Risiken der Digitalisierung, bzw. welche Schritte sind nötig, dass diese potentiellen Risiken nicht Wirklichkeit werden?

Ich würde das Thema „Digitalisierung“ nicht durchweg romantisieren. An der einen oder anderen Stelle gibt es sicher Herausforderungen, die für manche Personengruppen nicht positiv ausfallen werden. Wo neue Berufsfelder entstehen, werden alte wegfallen. Jemand, der nicht zu den sogenannten „Digital Natives“ gehört, muss sich umstellen, sich neu definieren.

Für mich ist es eine Herzensangelegenheit, bei dem ganzen Thema den Nachwuchs mitzunehmen. In meiner eigenen Schulzeit war beispielsweise das Thema „Unternehmertum“ nie relevant. Wir haben viel Tolles gelernt, aber immer mit dem Ziel, später mal in einem Unternehmen zu arbeiten. Die berufliche Selbstständigkeit war, laut Lehrplan, nie eine Karriereoption. Was ich mit diesem Beispiel sagen will: Unsere Kinder werden in der Schule nicht mit den Fähigkeiten ausgestattet, die sie später einmal in der modernen Arbeitswelt benötigen werden. Es mangelt an Vorbildern bzw. an Lehrern und Lehrplänen, die einen Blick in die Glaskugel zulassen.

 

Tijen Onaran im neuen WIDI-Headquarter in Berlin Charlottenburg

Was war dein persönliches Erfolgsrezept für deine berufliche Selbstständigkeit?

Ich hätte mir vor drei Jahren nie vorstellen können, mich selbstständig zu machen. Ich bin generell ein sehr freiheitsliebender Mensch, aber ich scheue eher das Risiko. Ich hatte immer gute Chefinnen und Chefs die mich meinen Freiheitsdrang haben ausleben lassen. Trotzdem habe ich irgendwann gemerkt, dass es ein paar grundsätzliche, feste Strukturen gibt, an denen ich als Angestellte nicht rütteln kann, und Punkte, an denen ich schlichtweg nicht weiterkomme. Ich habe mir über die Jahre ein Netzwerk an guten Leuten aufgebaut, bei denen ich wusste: falls ich mich je selbstständig machen sollte, werden sie mich unterstützen. Dieses Netzwerk gab mir in den ersten Monaten als Unternehmerin wahnsinnige Sicherheit. Meine Eltern waren dennoch völlig fertig und haben mich schon unter der Brücke gesehen (lacht).

Vor allem das digitale Zeitalter eröffnet uns heute tolle Möglichkeiten zu Gründen. Mit einer guten Idee und der festen Überzeugung, dass es funktionieren kann, kann man mit relativ geringem Aufwand erstmal ein kleines Unternehmen von zu Hause aus starten, ohne dafür wahnsinnig viel investieren zu müssen. Es stehen uns gerade alle Möglichkeiten offen und es gibt mittlerweile tolle Förderprogramme und Anlaufstellen, die einem weiterhelfen können. Und falls alle Stricke reißen sollten, kann man sich ja dann doch wieder irgendwo bewerben. Ob das gleichwertig zu dem ist, was man davor gemacht hat, sei mal dahingestellt, aber es gibt zumindest die Option auf ein Leben danach. Mit diesem Back-up fühlt man sich schon ein stückweit sicherer.

 

 

Du bist gebürtige Karlsruherin. Seit 2011 lebst und arbeitest du in Berlin. Was macht für dich die „Faszination Berlin“ aus?

Ich wollte immer nach Berlin. Auf mich, als politisch interessierten Menschen, hat zum Beispiel der Bundestag schon immer eine wahnsinnige Faszination ausgeübt. Wenn du dich dann näher mit der Stadt auseinandersetzt, entdeckst du diese einzigartige Mischung aus Lässigkeit und Leidenschaft, die hier alle irgendwie mit sich herumtragen. In Berlin, kannst du machen, worauf du Lust hast. Es wird viel toleriert, es wird nicht viel in Frage gestellt, aber du kannst auch in Bezirken wie hier in Charlottenburg leben, die etwas beschaulicher sind.

Diese Vielfalt entspricht einfach meinem persönlichen Freiheitsdrang und diese Freiheit habe ich bislang in keiner anderen Stadt gesehen. Daher halte ich große Stücke auf Berlin. Natürlich glänzt hier nicht immer alles, aber es ist aktuell die Stadt, die mir zu meiner persönlichen Entfaltung den größtmöglichen Spielraum gibt.

Was ist deine persönliche Sightseeing-Empfehlung für Berlin-Besucher, die das erste Mal in der Stadt sind?

Eigentlich sind das die Klassiker – der Besuch des Brandenburger Tors, ein Gang über den Gendarmenmarkt. Auch cool sind die unterirdischen U-Bahnführungen. Ich habe selbst zwar noch nie eine Tour mitgemacht, aber ich empfehle sie immer weiter und mir wird im Nachhinein so begeistert davon erzählt, dass ich das Gefühl habe, selbst schon mit dabei gewesen zu sein.

Und welcher Ort in Berlin wird, deiner Meinung nach, am meisten überschätzt?

Es tut mir Leid, für alle, die jetzt große Fans davon sind, aber für mich ist der am meisten überschätzte Ort in Berlin das SoHo-Haus. Ich kann mich bis heute nicht damit anfreunden, dass ich irgendwo auf der Terrasse sitze und neben mir springen halbnackte Leute in den Pool (lacht). Vor Ort werden richtig tolle Veranstaltungen organisiert und das Team macht seine Sache wirklich gut, aber mein Geschmack ist es einfach nicht. Da bin ich vielleicht total spießig, aber wenn ich Business-Gespräche führe und neben mir planscht jemand im Pool, das kriege ich nicht zusammen.

Hast du einen persönlichen Lieblingsort?

Mein Ort, und da hat das Ganze mit WIDI auch angefangen, ist tatsächlich am Gendarmenmarkt, in dem Restaurant und Café Quchnia . Es ist kein großes Café, im Sommer stehen die Stühle auf dem Gendarmenmarkt, aber dennoch ist es eher ein leiser, feiner Ort – die Touristenscharen übersehen ihn leicht.

Vielen lieben Dank Tijen und weiterhin viel Erfolg mit Women in Digital!

Für alle, die jetzt neugierig auf Tijen und die spannenden Frauen von „Women in Digital“ sind: Hier geht’s zur Webseite. Für die Sendung „Forum am Freitag“ stand Tijen Ende 2016 vor der Kamera – ein sehr sehenswertes Video, das ihr hier in der ZDF-Mediathek nocheinmal sehen könnt.

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