Selbstversuch: Mein Ausflug in die All-Inklusive-Clubwelt

Als Reisender strebt man danach, fernab der Touristenströme die letzten authentischen und charakteristischen Plätze wie ein Trüffelschwein aufzuspüren und bei der Rückkehr mit eindrucksvollen Fotos und abenteuerlichen Geschichten, die Indiana Jones vor Neid erblassen ließen, gegenüber Freunden und Kollegen zu beeindrucken. Ob am Lagerfeuer mit Kannibalen, auf Fischfang mit Inuit oder in einer Jurte inmitten der mongolischen Steppe:

„Der Mitreisende stört hierbei nur; er raubt uns die Einzigartigkeit unserer Erfahrung und verringert ihren Wert auf dem Markt der kulturellen Eitelkeiten“,

meint auch der Tourismuswissenschaftler Christoph Hennig in seinem Klassiker „Reiselust“.

Reservierte Liegen am Pool - gibt es ein schöneres Klischee?

Reservierte Liegen am Pool – gibt es ein schöneres Klischee?

Ich bin ehrlich, ich tue mich auch schwer als typische, mit Klischees behaftete, Touristin wahrgenommen zu werden.

Ich bin geborene Individualreisende, suche nach besonderen Erlebnissen fernab der Massen, freue mich wie ein Schnitzel, wenn ich mit Einheimischen ein Gespräch aufnehmen kann bzw. durch gute Sprachkenntnisse glatt als Einheimische durchgehe.

Ein Beispiel gefällig? Ich kann mich an eine Szene in der jordanischen Hafenstadt Aqaba erinnern, die ich vor rund zehn Jahren das erste Mal auf einer Studienreise besuchte. Ich hatte Zeit, individuell die Mittagspause zu verbringen, und ich wollte natürlich in ein landestypisches Lokal, in dem ich unter Einheimischen war, nicht wie an anderen Orten unter fröhlich Deutsch-plaudernden Touristen sitzen musste und, meiner Meinung nach, mit überhöhten Touri-Preisen abgezockt wurde. An der malerischen Corniche sahen die Restaurants mit Meerblick zwar ganz nett aus, aber die englischsprachigen Karten schreckten mich ab. Nein, ich wollte DAS Fischlokal finden. Nachdem ich über eine halbe Stunde durch die, mir unbekannte Stadt geirrt war, fand ich versteckt in den hintersten Ecken des Hafenviertels, ein kleines, heruntergekommenes Fischlokal. Der Tischnachbar machte mir unschwer zu verstehende Angebote mich an seinen Neffen dritten Grades zu verheiraten, der Fisch war auch nicht wirklich schmackhaft und die nahen Mülltonnen rochen nicht wirklich appetitlich; aber ich verließ das Lokal mit dem guten Gewissen und dem zufriedenen Grinsen, abseits der anderen Touristen zu Mittag gegessen zu haben. Wenige Jahre später sollte ich dann öfter noch nach Aqaba kommen – und wisst ihr was? Das beste Restaurant am Platz, mit einer tollen Auswahl an köstlichen Mezzevariationen und frischem Frisch, das Ali Baba’s,  ist eines, das ich schon beim Blick aus dem Busfenster direkt abgelehnt hatte, da es zentral an der Corniche liegt und neben einer arabischen Karte natürlich die Reisende mit einer englischsprachigen Karte ins Lokal lockt. Die vielen Einheimischen, die in dem gut klimatisierten Restaurant saßen, hatte ich damals wohl mal glatt ignoriert.

All-Inklusive-Club-Welt ich komme!

Dies nur als kleine Vorgeschichte, damit ihr euch ein wenig in mich einfühlen könnt. Nun ja, irgendwann möchte auch eine „Reisende“ ihre Akkus wieder aufladen und dies sollte während eines Strandurlaubs auf Fuerteventura geschehen.  Im Norden der Kanareninsel, nahe des Ortes Corralejo, gibt es ein Naturschutzgebiet mit wunderschönen, weißen Sanddünen. Mitte der 1970er Jahre entstanden hier, im Parque Natural de Corralejo, zwei große Hotelgebäude, das RIU Tres Islas und das Riu Oliva Beach. Nach der Umwidmung zum Naturpark durften dann keine weiteren Hotelkomplexe südlich der Stadtbebauung errichtet werden.

Das heißt: ellenlange weiße, feinsandige Strände abseits der Massen. Herrlich!

Feinsandiger Strand und der Atlantik in Sichtweite - was will man mehr?

Feinsandiger Strand und der Atlantik in Sichtweite – was will man mehr?

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Seit meiner Kindheit flog ich des Öfteren mit meinen Eltern nach Fuerteventura, immer in dieses eine Hotel, das RIU Oliva Beach Ressort. Irgendwann überrollte aber auch dieses Strandidyll die bunte All-Inklusive-Club-Welle und mir blieb nun also die Qual der Wahl: ich wollte nach Fuerteventura, ich wollte in dieses Hotel, also musste ich auch das erste Mal in den vermeintlich sauren Apfel beißen und mit einem quietsch-rot leuchtenden Armbändchen markiert, für eine Woche zu dieser großen Club-Familie gehören.

Vor der Abreise notiere ich mir aber noch meine „Fünf Goldenen Regeln“, mit denen ich das Club-Leben überstehen möchte:

  • Regel Nummer 1: Das Cocktail- und Alkoholangebot wird frühestens mit dem Sundowner genutzt
  • Regel Nummer 2: Ich werde nie-niemals zu der Sorte Mensch gehören, die frühmorgens ihre Liege am Pool reserviert
  • Regel Nummer 3: Ich werde trotz All-Inklusive Bändchen nicht alle, mir zur Verfügung stehenden, Essensangebote wahrnehmen
  • Regel Nummer 4: Egal wie herzig die Animateurin mit ihrem schwedischen Akzent mich auch versucht von der Liege zu ziehen: ich mache NICHT beim verrückten Mittagsspiel am Pool mit, schwinge auch nicht meine Hüften zum allseits beliebten Clubsong und stelle auf Durchzug wenn zum Fitnesskurs gegen den All Inklusive Belly angetreten wird
  • Regel Nummer 5: Ich werde mich auf Spanisch mit den einheimischen Angestellten unterhalten und damit unterstreichen, dass ich die Kultur des bereisten Landes respektiere

Mit diesen fünf Grundsätzen im Gepäck mache ich mich dann, sichtlich beruhigt, auf den Weg zu meinem kanarienvogelgelben Touriflieger, der mich für eine Woche in das Paradies aus Sonne, Strand und Meer bringen soll.

Kurz nach der Landung in Puerto del Rosario geht es dann auch schon los: Eine braun gebrannte, gut gelaunte Angestellte des Reiseveranstalters schüttelt mir freudig die Hand, drückt mir einen dicken Packen an Informationsmaterial in die Hand und lotst mich zu einem der Transferbusse, der mich, mit anderen Urlaubern, direkt in mein Hotel bringen soll. Dort bleiben mir die wenigen Brocken Spanisch auch direkt bei der Begrüßung an der Rezeption im Hals stecken: Mir gegenüber steht Sonja, eine fließend deutschsprachige Hotelangestellte, die mir direkt das signalrote Clubbändchen um das Handgelenk schnürt. Gut, werden meine Sprachkenntnisse eben ein wenig später ausprobiert. Schnell fühle ich mich wie zu Hause, das Hotel hat sich kaum verändert und schon bald stehe ich am lang ersehnten Strand mit den Füßen im Atlantik. Schön, wieder hier zu sein!

Fuerteventura im Überblick

Fuerteventura ist, wie die anderen Inseln der Kanaren, vulkanischen Ursprungs undliegt etwa 120 Kilometer entfernt der marokkanischen Küste inmitten des Atlantiks. Die Landessprache ist Spanisch, und man bezahlt mit Euro. Politisch gehört es zu Spanien und damit zu Europa, rein geographisch gehört die Insel jedoch zu Afrika. Fuerteventura ist ein Eiland für Sonnenanbeter. Das Klima ist das ganze Jahr über angenehm warm, das Meer gleicht die Temperaturen aus und die Passatwinde halten die heißen Luftmassen aus der nahen Sahara weitgehend fern. Fuerteventura ist sehr niederschlagsarm, die Palmen und anderen Gewächse, die man auf Postkarten sieht, werden fast ausschließlich künstlich bewässert. Wenn ihr euch für lange, weiße Sandstrände begeistern könnt, vielleicht gerne Wassersport treibt bzw. nach einem nahen Ziel für den perfekten Strandurlaub sucht, kann ich euch Fuerteventura wärmstens empfehlen. Nach vier Stunden Flugzeit ist man vor Ort und kann die Seele baumeln lassen.

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Im benachbarten Fischerdorf Corralejo kann man in einem der zahlreichen Cafés am Hafen entspannt dem Inselleben zusehen

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Der Norden Fuerteventuras ist ein beliebter Surf-Spot

Die ersten zwei Tage verbringe ich hauptsächlich am feinen Sandstrand – abseits der Massen und beobachte nur aus der Ferne das Club-Leben. Irgendwann weiche ich dann aber doch zumindest in den heißen Mittagsstunden in die, von Palmen gesäumte, schattige Hotelanlage aus. Ich beobachte die jungen Animateurinnen, wie sie den Gästen bei der Wassergymnastik einheizen, die regelmäßigen Touren der umliegenden „Liegenachbarn“ zur Snackbar / in den Pool / zur Getränketheke, lese ein paar Seiten in meinem Buch und döse im Schatten vor mich hin. War doch gar nicht so schlimm, denke ich mir, als ich mich abends auf den Weg ins Hotelzimmer mache.

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Wassergymnastik am Pool

Am nächsten Tag überrumpelt mich Animateur Nico auf dem Weg zur Liege. Er zerrt mich auf die Tanzfläche nahe der Poolbar: Die Direktion lädt zu frischer Paella und hausgemachtem Sangria ein, unterhalten wird das ganze durch eine Liveband, die mit dröhnenden Latino- und Salsa Rhythmen die Stimmung rund um den Pool anheizt. Der Animateur hat seine Ausbildung wohl mit Auszeichnung abgelegt, denn irgendwann wackle auch ich mit den anderen Clubmitgliedern durch die Gegend, schwinge die Hüften und klatsche zum Clubsong – zwei Stunden davor fand ich den noch genauso peinlich, wie das Klatschen nach der Landung im Flugzeug… Auch habe ich irgendwann einen Becher Sangria in der Hand und verabrede mich für den nächsten Morgen zu einer Partie Beachvolleyball mit Animateur Nico und anderen Clubgästen von der Tanzfläche.

Was soll ich sagen? Die Tage vergehen wie im Flug mit einer Kombination aus langen Strandspaziergängen und einer verträglichen Dosis Animationsprogramm.

Duenensprung

Dünensprung

An Tag vier verirrt sich wie von Geisterhand bereits morgens mein Badetuch auf die auserkorene Lieblingsliege mit Poolblick und meine wenigen Brocken Spanisch werden auch den Rest des Aufenthalts nicht gebraucht, denn das Servicepersonal vor Ort ist so gut geschult und stolz auf seine Sprachkenntnisse. Ab und zu ein „Gracias“ darf ja durchaus mal fallen, aber alles andere verkneife ich mir.

Fazit

Meinen letzten Abend verbringe ich mit einem farbenfrohen Cocktail glücklich und zufrieden auf einer der Liegen am Strand, blicke auf den romantisch-kitschigen Sonnenuntergang über dem Meer und ziehe mein Fazit über die vergangenen Tage.

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Ich bin noch immer lieber eine Reisende, die ein Land auf eigene Faust entdeckt und touristische Hochburgen eher meidet. Auch bin ich nicht die Stimmungskanone, die mit lustigem Partyhütchen zur Polonaise um den Pool tanzt. Dennoch habe ich die Tage inmitten der Club-Familie erstaunlich genossen, ich bin erholt und weiß, dass dies sicher nicht mein letzter Besuch gewesen sein wird – All-Inklusive-Club-Leben hin oder her.

 

Gracias und hasta luego, bis zum nächsten Mal auf den Kanaren!

4 Comments

  • Ein toller Bericht und – das muss an dieser Stelle mal gesagt werden – auch ein ganz toller Blog mit schönen Texten und qualitätsvollem Inhalt.
    Ja, das findet man nicht so oft 😉
    Schau doch gerne auch mal bei uns vorbei auf http://www.commeamus.de
    Liebe Grüße

  • Andrea sagt:

    Über Tante Google bin ich auf Deinen Blog gestossen…

    Ich mag Deine witzige Art, wie Du Deinen Cluburlaub beschrieben hat, wir waren jetzt im Mai dort und obwohl ich ähnlich geartet wie Du bin, hat es mir super super gut gefallen…

    und Nico hat einfach eine sehr überzeugende sympathische Art 😉

    wobei die anderen Animateure alle sehr nett waren…

    Ganz liebe Grüße

    Andrea

    • Sabine sagt:

      Lieben Dank für Dein nettes Feedback! Seufz – nach Fuerteventura könnte ich jetzt gerade auch schon wieder. Und bzgl. Animationsprogramm: manchmal muss man wohl einfach zu seinem Glück gezwungen werden 😉

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