Ein paar Gedanken zur Reisegarderobe

Reisen und die Welt erkunden ruft bei uns allen ein Gefühl der Freiheit hervor. Man verlässt seinen gewohnten Alltag, reist in ferne Länder, in denen einen (für gewöhnlich) niemand kennt, man ist weit weg von den Konventionen des Alltags und kann die steife Businessmode getrost mal für ein paar Wochen im Schrank lassen. Her mit den Shorts, dem Bikini und den luftigen Sommerkleidchen!

Ich packe meinen Koffer und nehme mit…

Doch so einfach ist es dann meist doch nicht. Schon beim Kofferpacken sollten wir uns Gedanken über unser Reiseland und die dort vorhandenen Wert- und Moralvorstellungen machen. Werden wir die meiste Zeit unkompliziert unter europäischen Touristen in der Hotelanlage verbringen, oder, und das wird der Großteil von euch vermutlich bevorzugen, auf eigene Faust das Land bereisen und uns so, die meiste Zeit, unter Einheimischen bewegen?

Es gab bereits Zeiten in meinem Leben als Globetrotterin, in denen mein Kleiderschrank in zwei Hälften aufgeteilt war: auf der einen Seite kurze Kleidchen, enge Jeans und taillierte Blusen, die andere Seite war gefüllt mit luftigen Hosen, locker fallenden Tuniken und einer Auswahl an Schals und Tüchern für die anstehenden Reisen, meist in den arabischen Raum. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich am Zoll meine westlichen Werte abgegeben habe, immer zwei Schritte hinter den Männern gelaufen bin und mein Gesicht mit einem schwarzen Schleier verhüllt habe, aber ich bin bisher immer gut damit gefahren, mich an den Gepflogenheiten vor Ort zu orientieren. Und vor allem als Frau hatte ich nicht das Ziel, durch zu offenherziger Kleidung, direkt zum Freiwild erkoren zu werden und mich mit Flirtversuchen der männlichen Bevölkerung herumärgern zu müssen. Ich wollte das Land bereisen, die Kultur kennenlernen und vor allem mit den Menschen ins Gespräch kommen. Ein eher etwas konservativer Kleidungsstil (d.h. Verzicht auf Spaghettiträgeroberteile, tiefe Ausschnitte, transparente Shirts, Miniröcke) hat mir bisher immer Türe und Tore – vor allem auch bei den einheimischen Frauen – geöffnet.

Bevor ihr, vielleicht alleine, eure nächste Reise antretet, durchforstet mal eure Schmuckschatulle nach einem schlichten Ring, der notfalls als Ehering durchgehen könnte. Denn auch solch ein Ring bewahrt euch in mancher Situation vor anzüglichen Sprüchen und fadenscheinigen Heiratsanträgen. Denn meist ist genau das die erste Frage wenn man mit männlichen Einheimischen ins Gespräch kommt: woher kommst du (Germany? Nice!), wie alt bist du (oh…wonderful!) und: bist du verheiratet (Oh, what a pity…your husband is a lucky man!). Nun sind alle Fronten geklärt und es folgt eine unbeschwerte Plauderei über das Wetter, das bereiste Land und ob man schon das leckere Nationalgericht probiert hat. Gefahrensituation überstanden! Und noch ein Tipp: auch wenn ich sonst nicht so der Fan davon bin, ist das Tragen einer Sonnenbrille meist auch recht hilfreich wenn man zum Beispiel über Märkte streift oder sich unter vielen Menschen befindet. In dem einen oder anderen Reiseland gilt ein interessierter Blick von eurer Seite meist schon als offensiver Flirtversuch. Daher sind große, vielleicht sogar verspiegelte Gläser eine gute Lösung um ganz unbefangen euer Umfeld genauer anschauen zu können.

Kleider machen Leute

Kurz nach meinem Abitur zog es mich für drei Monate nach Indien. Ich bereiste vor allem den Süden und verbrachte einige Zeit in Work und Travel Programmen in richtig armen Gegenden. Dennoch verließen die Männer stets mit ordentlich gebügelten Hosen das Haus, das Haar mit intensiv duftemden Kokosöl akkurat gekämmt, die Frauen hatten meist frische Blumen im Haar und die Schuhe glänzten in der Sonne. Und ich in meiner Survival-Trekkinghose und teilweise schon leicht fleckigen Backpacker-Kleidung…seit diesen Momenten, versuche ich auf Reisen, auch wenn sie noch so strapaziös sind, möglichst ein gepflegtes Erscheinungsbild abzugeben. Irgendwie sind wir als Reisende ja auch Botschafter unseres Landes und ich bin die Letzte, die nicht einen Part dazu beitragen möchte ein gutes Bild von uns Westlern abzugeben.

Oben ohne am Strand

„Du bist ja gar nicht richtig braun geworden!?! (entsetzer Gesichtsausdruck, weit aufgerissene Augen) „War’s denn nicht schön?“ – ich weiß nicht welchem Menschen wir es zu verdanken haben, dass ein erholsamer, gelungener Urlaub direkt proportional mit einer Hautpigmentierung eines siedenden Hummers zu tun hat. Von uns Reisenden wird erwartet, dass wir nahtlos gebräunt aus unserem Reiseland heimkehren, außer natürlich wir waren für drei Wochen auf Forschungsreise in der Arktis unterwegs. Hautkrebs hin oder her, manch einer kommt der stillen Erwartung der Daheimgebliebenen daher gerne auf Reisen nach und nutzt jeden Sonnenstrahl für die perfekte Urlaubsbräune. Aber auch hier ist es durchaus nützlich sich, bevor man sein Bikinioberteil ablegt, im Vorfeld über das Reiseland zu informieren. Wieder mein Beispiel arabischer Raum: Hier ist ein Bikini, zumindest an öffentlichen Stränden, gleichzusetzen mit Reizwäsche. Oben ohne Baden sollte man hier im Übrigen tunlichst meiden. Aber mal ehrlich, würdet ihr das tatsächlich machen? Zum einen erregt ihr die Aufmerksamkeit aller Männer im näheren Umkreis und erntet aufdringliche Blicke und Sprüche. Zum anderen sind vermutlich auch einheimische Frauen vor Ort, die selbst, vollständig bekleidet oder im Burkini, wenige Meter weiter im Meer baden. Es bleibt natürlich jedem selbst überlassen, ob man an solchen Plätzen die westliche Aufgeklärtheit spazieren trägt. Meine Empfehlung wäre, solche Bräunungsexperimente in der privaten Hotelanlage auszuprobieren. Und aufgepasst: auch in weniger konservativ anmutenden Ländern könnte ein Topless-Bad die Sittenwächter alarmieren, oder wusstet ihr, dass euch darauf im US-Bundesstaat Kalifornien eine saftige Haftstrafe droht?

Nachtrag

Die Hinweise, die ich hier in den Blogbeitrag geschrieben habe, sind durch meine Reiseerfahrungen entstanden und sollen euch jetzt nicht die Vorfreude auf eure bevorstehende Reise schmälern bzw. Stresspickel hervorrufen à la: Oh Gott, da muss ich ja einiges beachten. Wenn ihr ein wenig Empathie und Menschenkenntnis besitzt und euch in konservativ-ländlichen Räumen eher bedeckt haltet, dürfte das schon klappen. Auch muss ich mich bei meinen männlichen Lesern entschuldigen, da ich hier vermehrt auf Empfehlungen speziell für Frauen eingegangen bin.

Links zum Weiterlesen

  • Der ZEIT Strandreporter (ja, so etwas gibt es tatsächlich…) war mit einer Bikini-Designerin am Strand von Ipanema unterwegs. Hier erfahrt ihr mehr über den sogenannten „Bikini-Code“.
  • „Wenn Touristen sich daneben benehmen“ – toller Artikel, der mir aus der Seele spricht, in der Süddeutschen Zeitung.

Habt ihr Kommentare bzw. eigene Erlebnisse hinsichtlich der Reisegarderobe, die ihr gerne mit anderen teilen wollt? Ich freue mich über eure Anmerkungen und vielleicht kann auch ich noch etwas dazulernen!

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